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Isar, Wehr Buchenhain

…als ich das Foto letztes Jahr machte, hab ich mir nicht träumen lassen, dass es dieses Jahr schon Geschichte sein wird.

Seit letzten Herbst sind dort Bagger, Planierraupen und anderes am „werkeln“.

Da wo einst das Biotop am Wehr war, ist nun eine riesengroße Baustelle. Brücken wurden komplett neu angelegt, irgendwie müssen die Baumaschinen ja von der einen Seite der Isar auf die andere kommen. Und auch ansonsten, ist an der Stelle zu beobachten, es passierte das Selbe, das 2005 im städtischen Bereich der Isar seinen Anfang nahm.

Neue künstliche Bachzuläufe werden angelegt, mit riesigen Findlingen, selbes gilt für künstliche Inseln im Isarverlauf, das gesamte Areal wird sozusagen „aufgehübscht“, dass wild scheint, was kein bisschen mehr wild ist – oder individuell – oder unperfekt.

Bleibt nur hoffen, dass dieses Eck der Isar nicht das selbe Schicksal ereilt, wie das im innerstädtischen Bereich. Könnte auch sein, dass die Partymeile, die bisher nur von der Großhesseloher Brücke bis zum Deutschen Museum reichte, erweitert werden mußte.

Das Idyll ist jedenfalls dahin, der Mensch hat wieder Hand angelegt. Sobald es einigermaßen warm wird, sind sie da, die Schlauchbootfahrer, und dann ist’s an diese Stelle – wo, wer das wollte, noch seine Ruhe haben konnte, auch vorbei damit. So wie’s angelegt wird, lädt es wieder ein, bleibt doch, grillt, feiert Party und gröhlt rum, hier ist zwar Landschaftsschutzgebiet, aber hier stört ihr nicht viele…

Ausweichen ins „Unperfekte“, nicht vom Menschen gemachte, wird immer schwerer. Der Mensch hat es drauf, jede der unperfekten Stellen zu finden und umzugestalten. Wieder eine weniger.

Aber das durchgestyle, auf Linie gebrachte, ist doch so stinklangweilig. Es ist ja nicht nur die Natur, die der Mensch versucht zu formen. Es sind in jeder Stadt, egal wo auf dem Globus, überall die selben Geschäfte, Flagshipstores, Restaurantketten, das Individuelle ist auf der Strecke geblieben. Alles wird gleich gemacht. Dabei kann das Unterschiedliche, das Unperfekte, gerade das sein, was das Leben ausmacht.

Nur irgendwie scheint die Zeit dafür vorbei. Es wird getrimmt, alles und jeder auf Linie, und natürlich auf die gleiche, damit links und rechts nichts davon, ja niemand ausschert.

Schade oder, wenn so selbstverständlich, über Jahrzehnte gewachsene Biotope über den Jordan gehen? Aber genauso schade, wenn z.B. Häuser aus den 1960 kaputt saniert werden.

Gerade in meiner Umgebung wieder geschehen. Einst war es ein sonnengelb gestrichener Wohnblock, unverkennbar Baustil 1960. Ja, er war renovierungsbedürfte, der Putz, die Türen, wie ein Haus eben aussieht, an dem die letzten 15 Jahre nichts mehr gemacht wurde. Eine Wohnungsbaugesellschaft hatte den Block erworben.

Mit aufwändigen Sanierungsarbeiten, Fassadendämmung, neuer Heizung, Umbauten in den Wohnungen, die plötzlich mit „dies & das“ ausgestattet werden mußten, schaffte man es gut die Hälfte der alten Mieter hinaus zu ekeln. Die andere Hälfte wehrte sich standhaft, mit Mietschutzbund, Plakaten, Öffentlichkeitsarbeit und Rechtsanwälten.

Vor kurzem kam die Verhüllung des Hauses ab. Jetzt steht da ein Wohnsilo, um eine Etage aufgestockt, vom einstigen Charme des Hauses ist rein gar nichts übrig. So wie es jetzt aussieht, könnte es in jedem x-beliebigen Vorstadtgetto stehen. Die Farbwahl des Architekten für die Fassade, ist höchst innovativ, das oberste und unterste Stockwerk wurden in einem „wunderschönen“ schlammgrau gestrichen, der Bereich zwischen erstem und dritten Stock, dagegen in „fröhlichem“ weiß getüncht.
Die Briefkästen, aus gutem Grund einst innen angebracht, wurden an die Wetterseite des Hauseingangs verfrachtet, regnet es nun, regnet es auch in die Briefkästen hinein.
Unter heute geltenden „Maßstäben“, ist das Haus optisch natürlich auf dem neuesten Stand. Besonders hervorzuheben, sind die in gelb, orange, blau und grau gestrichen Balkonumrandung. Eine absolute Kreativleistung eines Architeken einer Wohnungsbaugesellschaft. Aber das Haus ist jetzt auf Linie getrimmt, und die Mieten natürlich auch…

Dabei war das Unperfekte so schön. Man hätte soviel draus machen können, geworden ist es der heute übliche Einheitsbrei.

Ja, in München und Umgebung geht’s rund, was das angeht. Stand letztens in der Süddeutschen, die Anwohner der Parkanlagen Isarauen regen sich auf, weil die ehemaligen Trampelpfade und Wege, nun plan gemacht werden, mit Kies. Verständlich. Jahrelang waren es Trampelpfade, auch das hatte einen gewissen Charme, der zudem verhinderte, dass die Kamikaziradler, hinten rum, durch die Isarauen fetzten. So konnte man sich wenigstens sicher sein, dort nicht von einem Radler über’n Haufen gefahren oder angeranzt zu werden, weil man die Frechheit besitzt, dort entlang zu gehen, anstatt in vorauseilendem Gehorsam zu Seite zu springen, denn jetzt kommt er, oder anders gesagt, schon wieder einer, dem’s pressiert bis zum geht nicht mehr, und kein Morgen kennt. Die Stadtverwaltung versteht natürlich den Unmut der Anwohner nicht, die von solchem Gebahren, gehörig die Nase voll haben. Es ist aber auch beim besten Willen nicht mehr nachvollziehbar, warum eine Stadtverwaltung, auch noch alles dafür tut, damit ein Areal das ohnehin überlaufen ist, ohne Ende, und die Müllabfuhr sobald es einigermaßen warm wird, dem Müll der Massen sowieso nicht mehr hinterherkommt, auch noch alles tut, damit von dem, was in der Theorie eigentlich keiner will, noch mehr da ist…

Ach wie schön war doch das Unperfekte, nicht getrimmte, nicht gestylte, natürlich und über die Zeit entstandene. Aber DIE Zeiten sind vorbei.

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