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Vor ein paar Wochen war’s. Ich machte mich auf dem Weg vom III. OG ins Parterre, und als ich unten ankam, hatte ich ein Knie wie einen Fußball. Eine Woche lang brauchte es meine Krücken, aus dem Jahre 1991, denn ohne ging gar nichts mehr.

Mit so einem Knie geht man zum Arzt. Vor allem wen so einem Knie mit einer Patellatrümmerfraktur anno 1991 prophezeit wurde, es wird versteifen, Treppen steigen, wird nicht mehr gehen, so ziemlich alles, was bis dahin normal war – gestrichen, in Kürze „blüht“ ihnen eine andere Normalität…

Mit 26 will man so was nicht hören, und erst recht nicht glauben. Ich zumindest. Die Jahre kamen und gingen, keine der „Prophezeiungen“ schien sich zu erfüllen. Nur manche Sachen die mir wirklich am Herzen lagen, mußte ich tatsächlich aufgeben, wie z.B. auf schwarzen Pisten, inklusive Buckeln talwärts zu jagen. Ein halber Tag wirklich Spaß, zum Preis von gut einer Woche ein Knie wie ein Fußball ist zu teuer bezahlt. Beim Radfahren gibt es Einschränkungen, bergauf – auch im kleinsten Gang, nicht’s mehr für mein Knie, und auch manch andere Sachen, an denen mir aber ohnehin nicht viel lag, waren mit dem Knie gestrichen.

Uns ging’s trotzdem gut, mir und meinem Knie. Es tanzte jahrelang Tango Argentino mit mir, auch in hohen Hacken, und: ohne auch nur einen Mucks von sich zu geben – als wir uns auch da aufeinander eingestellt hatten. Manche Bewegungen die direkt ins Knie schlugen, mochte es nicht, also ließen wir die, und tanzten was ging, sehr, sehr oft und sehr, sehr wild.

schlickeralm_107Das zertrümmerte Knie, trug mich auf Berge und wieder runter, legte ganze Tagesmärsche mit mir hin, ohne sich auch nur im geringsten zu beschweren. Wir hatten uns arrangiert, mein Knie und ich, und unsere Lebensweise gefunden.

Ich kaufte Schuhe in erster Linie nach „Gewicht“, waren sie leicht, kamen sie mit, hatten sie Gewicht, blieben sie im Laden. Ich tanzte nicht auf harten Steinböden, den das bekam weder Rücken noch Knie. Ich paßte mein Leben an, ohne dass es mir bewußt gewesen wäre.

Bis zu jenem Tag vor einigen Wochen, als es nach einem Tag am Schreibtisch reichte, vom III. OG ins Parterre zu gehen, um nicht mehr Laufen zu können.

Ein Orthopäde sah sich mein Knie an, und fragte ob ich Schmerzen habe. Ich verneinte, ich habe keine – nur ein blockiertes Knie. Und bei Luftdruckwechsel, spüre ich manchmal – nicht immer – jedes einzelne Brösel von dem, was meine kaputte Kniescheibe ist.

Eigentlich dürfte ich – nach Ansicht der Schulmedizin – gar nicht mehr Laufen können, auch müßte ich Schmerzen haben, ohne Ende. Nach dem Kernspind war klar – der letzte Rest Knorpel an der Kniescheibe ist dahin, Arthrose Stufe IV.

In Zeiten des Internets, googlet Mensch natürlich auch. Und seitdem bombardiert mich mein Browser mit allem möglichen Mist zum Thema Arthrose – ob ich will oder nicht…

Der Orthopäde wollte wissen wie ich lebe, denn mit dem Knie, könnte/dürfte ich doch gar nicht schmerzfrei sein. Was mich gehörig schockte, war die Aussage, eine Kniescheibe die so zerbröselt wurde, würde man heute nicht mehr zusammenflicken, sie käme komplett raus und das Bein würde versteift werden. Herzlichen Dank!, und: Was hab ich für ein Glück gehabt, dass mir ein Autounfall schon 1991 das Knie zerlegte und nicht heute.

Ich erzählte, was mein täglich Pensum an Bewegung ausmacht. An normalen Tagen bin ich so meine 3 – 4 Stunden gehend mit Frau Hund unterwegs, an besonderen Tagen, sind es 8 Stunden. Besondere Tage gibt es mindestens einmal in der Woche. Wir laufen durch Wälder, Täler und wir gehen auf Berge, nur klettern mag mein Knie nicht, und für Frau Hund ist das eh nichts. Ich benutze auch keine Stöcke, ich mag sie nicht. Die Wege auf denen ich unterwegs bin, sind meist Trampelpfade oder Feldwege, geteerte Wege mag ich weniger. Die Schuhe bei diesen Märschen sind flach und leicht, ist es warm, gehe ich auch gerne barfuß oder in Flipflops, nur nicht in den Bergen.

Ich ziehe immer noch hohe Hacken an, wenn mir danach ist, aber nicht, wenn ich mit Frau Hund durch die Landschaft streife. Ich tanze immer noch, immer noch in hohen Hacken, nur nicht auf Steinböden. Ich sitze aber auch täglich am Schreibtisch. Aus meiner Sicht führe ich ein ganz normales Leben, die Dinge die nicht mehr gehen, sind außer Skifahren nichts, woran mir persönlich viel liegt. Also vermisse ich auch da nichts.

Der Orthopäde staunte, was ich mit diesem Knie seit 25 Jahren alles mache ohne je wirklich Schmerzen gehabt zu haben.

Auf keinen Fall mein Leben ändern, sagt der Orthopäde. Die Bewegung so beibehalten, wie ich sie lebe. Medizinisch gibt’s an dem Knie nichts mehr zu machen. Ja man könnte spritzen, aber bei einem Knie mit solchen Rahmenbedingungen, ist es ziemlich sinnlos. Die aktuelle Prognose lautet, in ca. 10 – 15 Jahren könnte es soweit sein – so die Verfahren bis dahin soweit fortgeschritten sind – dass Metallplatten unter der Kniescheibe angebracht werden, damit ich weiter laufen kann.

Bei der Perspektive wurde mir zunächst übel. Aber 25 Jahre lebe ich jetzt ein Leben, das aus schulmedizinischer Sicht, so theoretisch unmöglich ist.
Von den, für mich wirklich gravierend schlechten Prognosen von vor 25 Jahren, ist bis jetzt nichts so eingetroffen.
Ja, jetzt habe ich Arthrose Stufe IV, aber die fühlt sie auch nicht an, wie sie sich anfühlen „sollte“, sie schränkt mich auch nicht in der Weise ein, wie eine Arthrose Stufe IV das für gewöhnlich tut.
Wer sagt mir, dass was jetzt prognostiziert wird, tatsächlich eintrifft? Vielleicht wird auch das Lügen gestraft vom Leben? Ich werde es sehen.

Ungefähr zwei Wochen lang, änderte der neue Befund meine Sichtweise auf’s Leben. Urplötzlich schien ich jede Menge Menschen mit einem Krückstock zu sehen, die hinkend und humpelnd durch’s Leben schritten. Oh mein Gott, das könnte mir auch blühen. Und mein Knie zitterte und wackelte bei diesen Gedankengängen.

Inzwischen hat sich mein Blick wieder normalisiert. Ich nehme den Umstand, dass Menschen mit Gehstöcken laufen, wieder wahr wie davor. Außerdem bin ich (mal wieder) über eine Bodenwelle gestolpert, und mußte den drohenden Sturz mit dem kaputten Knie abfedern – es wurde nicht dick, es schmerzte nicht, es hielt, was eine Erleichterung – das hat meine geistige Haltung wieder auf mein „Normal“ gestellt. Und letztens mußte ich über einen Bachlauf springen, ich denk nicht mehr dran, dass mein Knie „eigentlich“ kaputt ist, und springe spontan so los, so dass mein kaputtes Knie mein Gewicht abfedert. Auch wieder ohne dickes Knie – und ohne Schmerzen. Für mich bestätigt das: Nicht alles, aber das Meiste = eine Frage der geistigen Haltung.

Was mir der Orthopäde empfahl, eine Dehnungsübung für den vorderen Oberschenkelmuskel. Das ist alles was ich für mich tun kann, in diesem „Stadium“. Beim ersten Mal zog es tierisch, inzwischen mache ich diese „Übung“ mehrmals täglich, zwischendurch – wenn es mir den Sinn kommt, Ferse an den Po ziehen, halten, loslassen, und inzwischen zieht auch da nichts mehr.

Viel von dem was ist, ist wahrscheinlich eine Frage der geistigen Haltung – andere sagen vielleicht NLP. Mein Knie und ich sind wieder auf normal.

Nur die lästige Internetwerbung registriert das nicht, und läßt Anzeige um Anzeige aufleuchten, für (kann man da noch medizinische Anwendungen sagen, wo es so derart penetrant beworben wird…) Cremes, Tabletten, Spritzen, Operationen und Schlag mich Tod, die so ganz und gar nichts bringen, bei jemand wie mir.

Das Einzige worüber ich nun wirklich ernsthaft nachdenke, mir wieder ein Handy anzuschaffen. Alleine für den Fall, sollte irgendwo im Gelände mein Knie mal aussteigen, dass ich mir im äußersten Notfall Hilfe herbei rufen kann. Ansonsten geht das Leben wieder weiter wie davor, in Stufe IV der Kniearthrose.

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