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Samstag war es, als ich die Entscheidung treffen mußte.

Stolzer Kater

Im Leben war er eine stolze Katze. Jeder der ihn sah, ob in den Bergen auf einem Bauernhof oder in der Stadt, konnte nicht anders, als zu sagen: „Mein Gott, ist der groß“. Er war um einiges größer als „normale“ Hauskatzen. Für mich war er „Normalgroß“ und jede andere Katze dagegen ziemlich klein…

Er hatte solch eine Kraft, dass er mit einem Pfotenhieb eine Triangel in die Winterjeans riß. Er war wild, er war unbändig, er war stolz, er war sanft, er war liebenswert, er war besonders – für mich.

Manch anderer hätten ihn wohl weg gegeben, wenn er seine wilde Phase hatte, ich sagte NEIN!, er bleibt bei mir, ich mache sowas nicht. Für mich war er mein Kater, einer der zeigte, dass Katzen auch Raubtiere sind, nicht nur sanfte Stubentiger. Kein Grund ihn abzugeben.

14 Jahre haben wir zusammen gelebt, 14 Jahre hat er mich begleitet. Er fehlt mir sehr.

Ich habe ihn sterben lassen, wie ich mir vorstelle, wie jedes Lebewesen ob Mensch oder Tier, sterben soll. Sanft und da wo es sich zu Hause fühlt.

Freitag morgen stand fest, er wird es nicht schaffen. Das Entwässerungsmedikament wirkt nicht wie es soll. Er wollte nicht mehr fressen, nichts mehr trinken.

Donnerstag als wir nochmals beim Tierarzt waren, verschlang er danach schnurrend einen 1/2 Teelöffel seines Lieblingsfutters, aber mehr ging schon nicht mehr.
In der Nacht hörte er auf zu trinken. Freitag Vormittag rief ich beim Tierarzt an, fragte was geschieht, wenn ich die Medikamente absetze. Ich gab ihm keine Herztabletten mehr, nur mehr das Entwässerungsmedikament, damit er nicht erstickt, und wir verbrachten unseren letzten Tag zusammen.

Am Nachmittag setzte ich ihn in seinen Lieblingsaussitz auf dem Balkon, nochmal ging das Licht in ihm an, er strahlte und leuchtete wie in seinen besten Zeiten, nahm seine Umgebung wahr, hob die Nase in die Luft, schnupperte, sah sich um, danach verlosch das Leuchten in ihm. Ich trug ihn zurück an seinen Lieblingsschlafplatz.

Ich nahm mir Zeit für ihn, bleib bei ihm. Reichte ihm Schälchen mit Wasser, falls er doch noch was trinken wollte, und kleine Soßenhäppchen, falls er nochmal schlabbern wollte. Er lehnte das eine wie das andere ab. Er wollte nicht mehr.

eines seiner Gesichter im Sterben, aufgenommen schon vor Jahren.

In der Nacht lag er in meinem Bett und auf seinen Lieblingsplätzen, ich trug ihn, wohin er wollte.

Er „redete“ mit mir, wie er es zu seinen Lebzeiten tat, mit den Augen, mit dem Kopf, mit dem Schwanz. Bei was ihm gefiel, gab er sich hin. Drehte den Kopf, wie ich ihn berühren sollte, seine Pupillen sprachen, weiteten und verengten sich, was nicht paßte, zeigte er mit leichtem klopfen seiner Schwanzspitze, mehr ging nicht mehr, ich reagierte auf alles, mein Kater zeigte es in seinem Gesicht. Es war sehr friedlich.

In der Nacht sah ich alle Gesichter seines Lebens in seinem Gesicht. Mal sah er aus wie der kleine Kater der zu mir kam, mal wie der staatliche Kater der sich durchsetzten kann, mal wie der sanfte Stubentiger, er ließ keines seiner Gesichter aus. Immer wieder mußte ich weinen. Sein Gesicht war friedlich und sanft, all die Gesichter die er im sterben zeigte, hatte ich in seinem Leben längst fotografiert. Doch zerriß es mir das Herz.

Der Morgen kam, ich wußte was ich tun muß. Ich nahm ihn nochmal auf den Arm, ging mit ihm auf den Balkon, damit er nochmal alles sehen kann. Aber Leuchten kam keines mehr. Ich trug ihn durch die Wohnung, zeigte ihm ein letztes Mal jedes Zimmer, bis ich ihn auf seinem Lieblingsplatz auf dem Sofa nieder legte und ausruhen ließ. Er entspannte sich, ein letzter Moment eines Aufleuchtens in ihm, dann erlosch auch das.

Am Morgen hatte er noch versucht sich mit letzter Kraft ins Bad zu schleppen. Was ein Kater. Dabei hatte ich alles ganz in die Nähe gestellt. Ich half ihm, stütze, tat was man tut. Katzengras 5 Tage davor gefressen, tat jetzt das, was es normalerweise binnen 5 Minuten tut. Danach hatte er gar keine Kraft mehr.

Ich packte was ich packen mußte. Streichelte ihn nochmal auf dem Sofa, bevor ich ihn in seine Transporttasche hob. Frau Hund an der Leine nahm, die sich freute, weil sie meinte wir machen einen gemeinsamen Ausflug wie früher. Er war schon zur Hälfte auf dem Weg zur anderen Seite. Die Autofahrt bekam er kaum mehr mit.

Beim Tierarzt, konnte ich nicht viel sagen. War bei ihm, während er die Betäubungsspritze bekam. Stützte ihn, als die zu wirken begann, und er spucken mußte, bis er hinüber glitt ins Reich der Träume und ich ihn streichelte, beruhigend auf ihn einsprach, heulte was das Zeug hielt, mich für die 14 gemeinsamen Jahre bei ihm bedankte, bis die Tierärztin ein letztes Mal kam, und ihm die Spritze ins Herz gab. Dann war er Tod.

Sie ließ uns alleine, ich weinte, und weinte, bis ich ihn in seine Tasche legen konnte. Danach fuhren Frau Hund und ich mit ihm in den Wald, zu einem unserer Lieblingsplätze. Wir setzen uns mit ihm unter unseren Lieblingsbaum, leicht erhöht auf einem Felsbrocken, in dessen Wurzeln, die Sessel bilden.
Legten unseren Kater auf seine Decke, in einen der Wurzelsessel, auf den die Sonne schien. Frau Hund fiept ihn an, stupste ihn an, schnupperte an ihm, dann ging sie. An seinem Hintern wie zu seinen Lebzeiten schnuppert sie nicht mehr. Das hätte Herrn Kater gefallen, denn die am Hintern Riecherei fand er immer ätzend. Dafür bekam Frau Hund jedesmal einen Rüffel, begriff sie nicht, gab’s ein satten Pfotenhieb mit Schmackes!

Dort saß ich mit ihm, bis seine Pfoten kalt wurden und er erstarrten. Streichelte ihn, verabschiedete mich, bevor ich ihn auf den Arm nah, und zu der Stelle trug, wo ich ihn beerdigen wollte. Dort lag ein Felsblock, bewachsen mit Moos und kleinen Blümchen die darauf blühten. Ich legte ihn auf seiner Decke dort in die Sonne. Frau Hund ging wieder zu ihm, fiepte, sprach mit ihm, beschnupperte ihn, ließ seinen Hintern in Ruhe.

Ein vor Jahren umgefallener Baum, dessen Wurzelstock dort noch lag, sollte das Grab meines Katers werden. Ich vertiefte das Loch deutlich. Ich brauche es meine Tiere selbst zu begraben, das Grab auszuheben, das ganze drum-rum, für mich gehört es dazu. Als das Loch tief genug war, ging ich zurück zu meinem Kater, ich heulte und heulte, beugte mich über ihn, vergrub mein Gesicht in seinem Fell, in seinem Geruch, bedankte mich nochmal für unsere gemeinsamen 14 Jahre. Wie er roch, ein letztes Mal riechen, bevor ich die Decke darüber schlagen muß und ihn in die Erde legen.

Jetzt war es erst endgültig für mich. Eingeschlagen in die Decke, trug ich ihn rüber zu seinem Grab, legte ihn die Erde, verabschiedete mich nochmal, bevor ich sein Grab verschloß, die Erde festtrat, schwere Steine darauf legte, und am Ende, das bißchen Platz, das zwischen Erde, Steinen und Wurzelstock noch war, mit schweren Holzstücken und Ästen füllte, bevor ich auch da Laub drüber gab, so dass niemand sieht, der es nicht weiß, was hier ist.

Es war die dritte Katze, die ich selbst begraben habe. Gestern Morgen mußte ich mit Frau Hund zum Tierarzt, dort war jemand mit Katze, die ich kurz auf den Arm nehmen konnte. Das tat mir gut.

Nein, jetzt sofort, wieder zwei kleine Katzerl zu mir nehmen, denn ursprünglich waren es zwei, nur der Bruder von Herrn Kater starb vor 3 1/2 Jahren, soweit bin ich noch nicht. Aber es werden wieder zwei kleine Katzen bei mir einziehen, genau wie „Il gatto rosso“ und „Ihre königliche Hoheit“ damals.

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